Eine heimatkundliche Betrachtung von Dr. Fritz Steinbrecht, Januar 1932 in „Querfurter Heimatblätter“, Dritte Folge, Nr. 13

Wenn ich hier die Worte Mundart und Heimatsprache nebeneinanderstelle, so will ich damit natürlich verschiedene Dinge sagen. Mit Mundart soll nur bezeichnet sein, was allgemein darunter verstanden wird, während Heimatsprache das Festhalten an der geschichtlichen Ueberlieferung genannt werden soll.

Die Wissenschaft teilt das Gebiet der Sprachen in neue und alte, lebendige und tote ein. Dabei wird mit lebender Sprache das Idiom bezeichnet, welches heute noch von irgendeinem Volke gesprochen wird. Doch ist das Gesprochenwerden keineswegs ein Kennzeichen für das „Leben“ einer Sprache, denn Leben debeutet: Entstehen, Wachsen und Vergehen, bedeutet Kampf und ewigen Wechsel. Je stärker die Veränderungen sind, um so lebendiger ist eine Sprache. Allerdings zeigt sich dieses Leben kaum in der Schriftsprache, sondern in der Umgangssprache, vor allem aber in der Mundart.

Am leichtesten lassen sich diese Wandlungen an Ortsnamen erkennen. Wie sind sie im Laufe der Jahre verändert, zugestutzt, abgeschliffen und der jeweiligen Sprechweise angepaßt! Ich nenne hier nur als Beispiel die „Nuwe Burg“, die zur Neuenburg und zur Naumburg geworden, oder etwa als Gegenstück die „Alte Burg“, die über Altenburg ganz gradlinig zu Almrich verkürzt ist. Ein Dörfchen wie „Bodelitze“ schreibt sich heute Pödelist und wird Peddelst gesprochen. So könnte man fast jeden Ortsnamen untersuchen.




Allerdings wirkt die Schriftsprache außerordentlich hemmend auf diese Entwicklung. Mehr aber noch hindert die Abkehr von der Mundart, die heute in einer dem allgemeinen Zeitmaß unserer Tage entsprechenden Schnelligkeit zunimmt, das eigentliche Leben unserer Sprache. Beim Bauern schon, bei den Handarbeitenden, Handwerkenden auf dem Lande, die doch alle noch die natürliche Bildung haben, fängt diese Entwöhnung an, und oft wird die Mundart des Großvaters vom Enkel kaum noch verstanden, geschweige denn getreu nachgeahmt.

Untätig sieht man zu. Bis auf wenige Forscher und Heimatfreunde kümmert sich niemand um den Verfall. Meistens verachtet man die Mundart. Man erkennt nicht, daß in diesem unbeachteten Aschenputtel eine Königstochter steckt, die allein die goldenen Schuhe tragen kann. Nur zu derben Scherzen läßt man den Volkston zu. Die Jugend lacht und fühlt sich erhaben über die Alten, die lieber Mundart als Hochdeutsch sprechen.

Mundart ist aber ein Stück Volkstum und nicht das unbedeutendste. Es ist durchaus nichts Ungebildetes, Unfeines oder Spaßiges! Aber wer seinen Kindern verbietet, die Mundart zu sprechen ist ein ungebildeter Mensch.

Es bedarf dabei keiner Worte, daß das Hochdeutsche, die Schriftsprache, notwendig ist, daß wir das allmähliche Aussterben der Mundart nicht verhindern werden, aber warum nicht die Sprache durch gesunde Pflege noch länger stark und blühend erhalten, wie man auch eine Pflanze im Garten vor dem Verdorren schützt. Wie der überzüchtete Großstädter bald absterben würde, wenn die Blutauffrischung vom Lande fehlte, so ginge die Sprache bald in eine tote, starre Form über, wenn ihr die Bereicherung durch die lebendige Mundart fehlte.

Volkes Stimme, das ist Volkes Sprache. Sie kündet wahrer, unverfälschlicher als Aug‘ und Haar und Antlitz und Gestalt des Volkes Seele. – Weh darum dem Volke, das seiner Sprache Heiligtum nicht ehrt und liebt und schützt und pflegt in frommer Treue!

(Felix Dahn, Für unsre Sprache)

Wer ein Freund seiner Heimat und seines Volkes ist, der sucht zu retten und zu sammeln, zu erhalten, zu sichten und zu ordnen, was an Schätzen noch vorhanden ist. Eile tut not, denn in vielen Gegenden geht es rasant schnell zurück mit dem Gebrauch der alten Mundart. Oft kennen nur noch die ältesten Einwohner die reine Mundart. Auch in unserer engsten Heimat hat man das Verebben der Mundart im Verlauf von zwei bis drei Generationen feststellen können. Gerade an der Unstrut ist ja das Zurückweichen der hoch-niederdeutschen Sprachgrenze nach Norden zu an anziehenden Beispielen nachzuweisen. Doch schwinden diese Reste schnell, und zum Beispiel in der Gegend von Gehofen läßt sich fast von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ein weiteres Aufgeben alter Sprachformen verfolgen.

Man darf bei solchem Sammeln natürlich nicht das mundartliche Schrifttum benutzen, sondern nur die lebendige Umgangssprache der Bewohner. Denn das Schrifttum ist immer unzuverlässig, da es ja niemals in einer alten verständlichen und absolut zuverlässigen, phonetischen Schreibweise abgefaßt ist und oft auch (der allgemeineren Verständlichkeit wegen) mehr eine Mischsprache, sogar mit künstlichen Wortformen (selbst bei Reuter) darstellt.

Leider hat unsere Schule noch immer nicht die hohe Aufgabe erkannt, den unermeßlichen Reichtum unserer Sprache in den Formen und Wortschätzen unserer Mundarten zu erschließen. Man lehrt fremde Sprachen, und jahrelang mühen sich Millionen deutscher Kinder, zur allgemeinen Bildung Vokabeln und Grammatiken fremder Völker zu erlernen, ohne daß für die allermeisten jemals eine Nutzanwendung in Frage käme. Die griechische und lateinische Sprache sind der unentwegte Ballast der höheren Schulen. Niemand lehrt germanische, alt- und mittelhochdeutsche Sprachen, trotzdem man längst weiß, daß sie genauso reich und schön und vollendet waren wie die genannten und zum Verständnis  der neueren Sprachenvielleicht besseren Grund legen könnten.

Nicht unmittelbar zur Pflege der Mundart gehört das Festhalten an geschichtlichen Namen und Beziehungen. Auch diese „Heimatsprache“ wird ja heute so stark vernachlässigt. Man glaubt eben, der Zeit entsprechend, mit Altertümern aufräumen zu müssen., und ändert, verschandelt darauf los, ohne zu bedenken, was für Werte oft durch solch gedankenloses Tun vernichtet werden.

Auch hier nur einige Beispiele zur Veranschaulichung. In dem kleinen Städtchen Freyburg sind in den letzten fünfzig Jahren nicht nur die schönen alten Stadttore abgerissen, sondern auch die Namen vieler Straßen und Plätze geändert. Wir hatten früher einen „Brühl“, der heute eine nichtssagende „Steinstraße“ geworden ist. Wir kannten eine „Froschgasse“, die an den Eckstädter Teich erinnerte, während die Johannesstraße völlig zusammenhanglos ihre Stelle einnimmt. Die „Neue Welt“, eine alte Vorstadt, kennen unter diesem Namen nur noch wenige, die „Pforte“ mußte auch daran glauben, damit niemand später weiß, wo das alte Stadttor stand. Keine „Töpfergasse“erinnert mehr an das frühere Handwerk hier, kein „Holzmarkt“ an mittelalterliches Leben.“Köpfhügel“ war eine vielsagende Bezeichnung, heute kennt sie kein Mensch mehr.

Hier ist viel zu retten, mancher Fehler noch wieder gutzumachen! Wir sollten in unserer schnellebigen Zeit mehr Achtung haben vor dem, was Jahrhunderte überdauert hat. Je mehr wir das vergessen, je mehr verkümmert die Seele unseres Volkes.

Quelle: http://dilibra.com/ahnenforschung/2411