von Paul Hermann RUTH, Großenhagen

Es gehört zu den kostbarsten Vorzügen unserer heimatlichen Landschaft, daß sie ihre geheime Schönheit nur dem Herzen erschließt, das sie lange liebt. Das unruhige Auge des Fremden sucht nach starken Reizen, und sein Suchen ist vergeblich; aber deshalb leben hier nur umso unberührter die verborgenen Geister, die allein dem Umgang mit der Natur die seltsamen Kräfte verleihen, die auch der einfachste Mensch dunkel empfindet. Ohne sie ist die Seele der Landschaft tot, und sie ist leicht zu töten wie alles Schöne. Sie fliehen die gepriesenen Stätten, die der Lärm der Gaffenden erfüllt, aber im Frieden der Stille bleiben sie und schenken jedem Wesen den Zauber ihrer göttlichen Fülle. Wo sie weilen, wird das Leben eine Kette von Wundern.

Diese letzten Sonnentage sind das Ergreifendste. In Ihnen offenbart sich das geheimste Leben dieser Landschaft: sie ist ganz selige Hingabe an das himmlische Licht. Und nur diese Landschaft kennt sie in dieser Schönheit: es gehört die große unbegrenzte Weite des Flachlandes dazu, an dessen Fernen der Himmel die Erde berührt, um dieser Vermählung mit der strahlenden Bläue die hinreißende Größe zu geben; und es müssen die leisen Wellungen der saatgrünen Hügelketten sein und die über sie hin verstreuten Büsche und Bäume, damit diese warme Innigkeit entstehe, vor der die Augen sich schließen möchten, um blind wie die Wesen umher mit allen Poren das Licht zu trinken.



Am schönsten sind die Birken. Das helle Weiß ihrer Stämme vor dem leicht dunstigen Blau des Horizontes, und darüber das feine Netzwerk der schon gefärbten und etwas gelichteten Blätter vor der tifen Bläue des hohen Himmels: so stehen sie da in festlicher Vollendung. Um sie ist etwas von der Frühe der ersten Erdentage.

Doch ist das alles nur erst die eine Seite. Denn gebreitet auch über das leuchtendste Leben ist dieser seine Schleier unergründlicher Melancholie, der nur dem Flachland eignet. Auch der Glanz der Spätsommertage ist durch ihn gedämpft, er macht es, daß alles so heimlich versponnen, wie verzaubert ist. Wenn die verblassenden Strahlen der Sonne am Abend schräger werden und der Blick, sie noch einmal zu grüßen, ihr nachschaut, kann es wohl sein, daß man ihn wirklich sieht: die tausend Halme der Stoppeln und die tausend jungen Spitzen der neuen Saat tragen ihn gleicherweise. Der ganze Boden ist übersponnen von den zarten Fäden und schimmert in der sinkenden Sonne. Auch die Birken wissen darum. In den verleuchtenden Abendhimmel hinein hängen ihre langen feinen Zweige, die der Abendwind leise berührt, und langsam sinkt Blatt auf Blatt aus der hellen Höhe zur schon nachtdunklen Erde.

Die Schönheit der Spätsommertage hat der Tod geweiht. Deshalb ist sie ergreifender als jede andere. Ewiges Geheimnis des Lebens: noch der Tod muß es mit den köstlichen Kränzen schmücken.

Und wenn er dann kommt mit dem Sturm und die grauen Wolken der Sonne entgegenjagt, immer mehr, immer mehr, daß ihre Strahlen nur noch für einen Augenblick ihre verlassenen Kinder erreichen, dann ist es wieder die Birke, in der sich das Leben der Landschaft zur Gestalt zu verdichten scheint. Man kennt fast nicht die Stille, verträumte, wie jetzt ihre sturmgepeitschten Zweige in die Luft greifen, als rängen sie mit dem unsichtbaren Gegner. Unheimlich ragt ihre dunkle Gestalt gegen die fliegenden Wolken wie der verkörperte Schmerz. Bis ein letzter Sonnenstrahl auch sie noch einmal grüßt: dann leuchtet der weiße Stamm sieghaft und heller als je vor dem dunklen Himmel, und die Blätter, die der Sturm entführt, strahlen wie Gold.

Quelle:

Unser Pommerland. Monatsschrift für das Kulturleben der Heimat. Verlag von Fischer & Schmidt in Stettin. 11. Jahrgang. Seite 337. September  1926. Heft 9. Titel

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Spätsommer in Pommern 1926 200x300 - Ruth, Pommern, Paul Hermann Ruth, Mecklenburg-Vorpommern, Großenhagen, 1926