In alten Familienstammbüchern befindet sich regelmäßig mehr, als nur fein mit Lebensereignissen ausgefüllte Formularseiten. In einem älteren Exemplar, schätzungsweise aus dem Jahr 1924, herausgegeben vom Reichsbund der Standesbeamten in Deutschland, war auf den Seiten 34 bis 36 ein Artikel von Dr. A. Westmann mit dem Titel „Familiengeschichte“ zu finden. Der kurze Beitrag behandelt einleitend Sinn und Zweck der Familienforschung aus Sicht des Autors, wobei der Gemeinsinn, die Stärke von Familie und die Kenntnis über Vorfahren in den Mittelpunkt gerückt wird. Recht schnell schwenkt Dr. Westmann leider auf die biologische Notwendigkeit der Genealogie mit Blick auf Erbkrankheiten. Das hat mir persönlich etwas die Freude am Lesen genommen. Der Mediziner konnte da wohl nicht aus seiner Haut. Natürlich gibt es Erbkrankheiten, jedoch sollte meiner Meinung nach Ahnenforschung nicht mit dem Ziel erfolgen, vermeintlich wertvolle oder wertlose Erbanlagen in Erfahrung zu bringen.

Familiengeschichte.

von Dr. med. A. Westmann.

Man frage Freunde und Bekannte, was sie von ihren Vorfahren wissen. Viel ist es meistens nicht. Einige haben in der Kindheit noch die Großeltern gekannt und können dies und jenes von ihnen erzählen. Die Urgroßeltern verschwinden gewöhnlich schon in der Vergessenheit. Allzu schnell erlischt das Gedenken, wenn es sich auf die mündliche Überlieferung beschränkt. So geht es wenigstens den Großstädtern, deren Familie ja zum größten Teil erst im Laufe der Zeit in die Stadt gezogen ist. In Wirklichkeit verloren sie die Heimat, als sie die Stätte verließen, auf der ihre Vorfahren gelebt hatten. Das Band, das sie mit der Vergangenheit verknüpfte, löste sich.

Auf dem Lande und in der kleinen Stadt ist es noch besser. Da haust man auf dem Gute oder in der Wirtschaft, die schon lange, oft viele Jahrhunderte, der Familie gehörten. Oder man führt ein Geschäft, das sich immer von Vater zu Sohn vererbt. Dort lebt man mit den ansässigen Verwandten zusammen, und in dem weiteren Familienkreise erhält sich auch die Erinnerung frischer. Da und dort findet sich noch eine alte Familienbibel, in der die Geschlechterfolge und wichtige Ereignisse aufgezeichnet sind, denn die Bibel war früher nicht bloß das Buch der Andacht, sondern auch die Familienchronik. Aber im ganzen beschränkt sich auch hier das Gedächtnis oder die Auszeichnung auf einige äußerliche Daten und Begebnisse.



Eine ausführliche Geschichte, die weit zurückreicht, besitzen nur wenige Familien. Glücklicherweise beginnt das Interesse zu erwachen. Man gewahrt das an den vielen Vereinen, die sich allerorts zur Familienforschung gründen, und an ihrer ständig wachsenden Mitgliederzahl. Ist das nun eine müßige Spielerei? Eine neue Mode vielleicht? Manche glauben es und lächeln darüber. In Wirklichkeit ist es eine sehr ernste Angelegenheit.

Es ist merkwürdig, daß man seine Vorfahren und ihre Geschichte so wenig kennt. Man lernt, von den Babyloniern angefangen, die ganze Weltgeschichte. Wer weiß aber, wo z. B. in den Befreiungskriegen seine Ahnen lebten, was sie waren, durchkämpften und erlitten? Die Geschichte ist eine Reihe von bunten Bildern, die unser Gefühl bewegt, soweit sie die Geschichte unseres Vaterlandes ist. Was bedeutet Heimatliebe und Vaterlandsliebe? Es ist die Stimme des Blutes, die an Haus und Herd der Väter mahnt, die Verwandtschaft des Blutes, die uns an Sippe, Stamm und schließlich an das Volk bindet. Es ist im Grunde nichts als Familienliebe, denn die Familie ist der Ursprung der Gemeinschaft. Wieviel lebendiger wäre die Geschichte des Vaterlandes, wenn wir unsere Vorfahren mit ihr verbunden sähen? Es kommt nicht darauf an, ob sie eine große oder eine kleine Rolle spielten. Sie haben, jeder in seinem Kreise, ihr Schicksal und das Schicksal des Volkes getragen. Wir würden begreifen, wie weit die Wurzeln unseres Lebens zurückreichen, wie eng verflochten sie mit anderen sind. Wieviel stärker würde in uns das Gefühl der Gemeinschaft zur Familie und zum Volke sein! Beides tut uns not.

Die vergangenen Jahrzehnte haben das „Ich“, das Recht des einzelnen, zu stark betont. Der Mensch ist aber nichts durch sich allein. Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen; er lebt nur durch die Gemeinschaft. Je klarer er sich dessen bewußt ist, um so besser füllt er seinen Platz aus, und um so besser füllt er auch sein Leben aus. Der Mensch hat nicht bloß ein Recht, sondern vor allem eine Pflicht, sich selber und den anderen gegenüber. Er hat nur soviel Recht, als er durch Erfüllung der Pflicht verdient. Nichts fördert das Gemeinschaftsgefühl besser als die Pflege des Familiensinns, und dieser wiederum erstarkt durch nichts besser als durch die Pflege der Familiengeschichte. Das ist ihr allgemeiner sittlicher Wert. Aber sie hat für den einzelnen auch noch einen besonderen sittlichen Wert. Wird es ihn nicht mit Freude und Stolz erfüllen, wenn er die Träger seines Namens, Ahnen und Urahnen, die Vorfahren seiner Frau aufgezeichnet findet und von Ihrem Leben erfährt? Wird er nicht aus ihrem Leben für sich Beispiele, Mahnungen und Ermunterungen empfangen? Er wird erfahren, daß auch das Leben seiner Vorfahren ein Auf und Nieder, Kampf, Sieg und Niederlage war, und das wird ihn in den Wechselfällen seines Lebens trösten und stärken. Er wird von den längst Gestorbenen noch manche Erfahrungen lernen.

Uralte Weisheit lehrt: Erkenne dich selbst. Das ist eine schwere Aufgabe. So aufrichtig wir uns bemühen, und so alt wir auch werden, vollkonnnen bewältigen wir sie nie. Leichter wird die Lösung, wenn wir nicht uns allein betrachten, sondern uns in unseren Ahnen zu erkennen suchen. Charakterzüge, Eigenheiten, die wir von dem und jenem erfahren, werden wir an uns wiederfinden, denn sie sind wir. Was in uns lebt, das lebte in ihnen. Nichts ist an uns neu.

Wer über keine Familiengeschichte verfügt, und sie jetzt nachholen will, darf sich manche Mühe nicht verdrießen lassen. Was er von alten Verwandten, deren Erinnerung weiter als seine zurückreicht, erfahren kann, das sammle er. Dann muß er schriftlichen Urkunden nachspüren, alten Familienbriefen, die sich noch hie und da in der Verwandtschaft finden. Er muß Kirchenbücher, Archive befragen. In der einen Quelle wird er einen Hinweis auf andere finden, und so wird sich langsam das Dunkel lichten und der Zusammenhang herstellen. Die Freude am Gefundenen wird seine Mühe lohnen. Wer das Unternehmen scheut, der kann doch wenigstens mit einer Familiengeschichte beginnen. Er schreibe das auf, was er weiß, Genaues über seine Eltern und sich. Auch wir sind einmal Vergangenheit, und dann werden die Nachkommen dankbar das Werk fortsetzen.



Das Geschichtliche ist die eine Seite der Familienforschung. Die Familiengeschichte soll aber auch eine erbbiologische Urkunde werden, und das hat seine besondere Bedeutung. Biologie ist die Lehre vom Leben und von den natürlichen Gesetzen des Lebens. Wie vermittelt uns die Familiengeschichte die Gesetze unseres und unsrer Kinder Leben? Unsere ganze körperliche und geistige Entwicklung beruht auf den Erbanlagen, die wir von unseren Eltern, und diese von ihren Eltern usf. erben. Diese Erbanlagen können wir nicht verändern. Eine fehlende kann nicht ersetzt, eine vorhandene nicht ausgemerzt werden. Sie können nur in ihrer Entwicklung durch die äußeren Lebensumstände, auch durch die Erziehung, beeinflußt werden. Sie können in gewissem Sinne gefördert und gehemmt werden. Das Kind erhält also z. B. die Anlage für die Form seines Kopfes, seiner Nase, seines Mundes, für die Farbe der Augen, des Haares, für Größe und Weite des Brustkorbes, für Länge der Gliedmaßen; es erhält Anlagen für musikalische, zeichnerische Begabung, für seine geistige Begabung usf. Was noch wichtiger ist: auch viele Krankheiten erben sich durch Anlagen fort; um nur einige zu nennen: Mißbildungen, Kurzsichtigkeit, Taubstummheit, Blindheit (diese beiden können auch durch spätere Krankheiten erworben fein), gewisse Hautleiden, Zuckerkrankheit, Bluterkrankheit, vor allem aber Nerven- und Geisteskrankheiten, Schwachsinn, Fallsucht, verschiedene Formen des Irrsinns.

Die krankhaften Anlagen wirken sich verschieden aus. Bei bestimmten Krankheiten genügt schon die Belastung von einer Seite (Vater oder Mutter), um bei einem Teil der Kinder die Erkrankung hervorzurufen. Diese Krankheiten werden dann verhältnismäßig häufig unter den Vorfahren der belasteten Seite zu finden sein. Bei anderen Krankheiten muß von beiden Seiten Belastung bestehen, um die Erkrankung unter den Kindern hervorzurufen, und diese Krankheiten sind unter den vorangegangenen Geschlechtern seltener zu finden.

Daraus folgt, wie wichtig es ist, die Familie und ihre Vorfahren nach dieser Seite hin zu beobachten und zu prüfen. Dazu braucht man allerdings ein genaues Bild der körperlichen und geistigen Erscheinung, und das wird man selten über die Großeltern hinaus ermitteln können. Aber Großeltern, Eltern und das Ehepaar, das mit der Beobachtung beginnt, sind schon drei Generationen, und ein solcher Überblick läßt schon vieles und das wichtigste erkennen.

Das ist eine Aufgabe, deren sich Eltern im Interesse ihrer Kinder immer unterziehen sollten. Besondere Begabungen, die in der Familie hervorgetreten sind, werden sie bei den Kindern suchen und fördern, schlechte, krankhafte Anlagen schon von Jugend auf zurückhalten. Sie werden aus der Familienbeobachtung viele Erfahrungen bei der Erziehung und Pflege der Kinder ausnutzen können, auch für die Wahl des Berufes. Besonders werden sie, wenn die Kinder erwachsen sind und heiraten wollen, darauf achten, daß nicht eine etwaige Belastung mit einer gleichen zusammentrifft. Derartige biologische Beobachtungen haben nur dann einen Wert, wenn sie genau und zuverlässig sind, und sie werden am besten nach einem bestimmten Schema gemacht.

Quelle:

Familienstammbuch, https://www.dilibra.com/ahnenforschung/3226/

 

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