Siebenseitige und handschriftliche „Fest-Zeitung zur Vermählungsfeier des Fräulein Frieda Köppen mit Herrn Walter Mass“ aus Pommern vom 30. Juli 1913. Eine Abschrift des freudigen und amüsanten Zeitzeugnisses aus Altdamm, Ablichtungen des Originals sowie Fotos des Brautpaares von David Krüger.

Willkommen, willkommen im Schlesierland.

Melodie: Von allen den Mädchen..! [Anmerkung: Die Lore am Tore – von allen den Mädchen so blink und blank – Volkslied]

I.
Willkommen, willkommen im Schlesierland. / O Frieda, lieb Fritzel du kleine. / In unser Groß-Brassel da ziehst du bald ein / Zu bauen das Nest dir, das kleine. / Der Walter, dein Alter, der führt dich dort hin. / O Frieda, lieb Fritzel du kleine. / Du sollst ja nun immer sein Hausfrauchen sein / Und schmücken das Nestchen, das deine.

II.

Mit Fleiß und mit Treue und sorgsamen Sinn / Hat Mutter dir alles bereitet. / So zieh‘ mit dem Manne, dem erwählten nun hin / Von Segen der deine begleitet. / Und mache ihn glücklich und werde beglückt / O Frieda, lieb Fritzel du kleine. / Du ziehest nun fort von der Mutter von Haus / doch du baust dir das Nestchen das deine.

III.

In Breslau, in Breslau der wildfremden Stadt / Was wird dir die Zukunft dort geben? / Mit fröhlichen Herzen und heiterem Sinn / Ergreife, was bringet das Leben. / Du heißest von nun an ja Friedchen Mass / O Frieda, lieb Fritzel, du kleine / Und bist nun ein Frauchen u. hast einen Mann / und bauest das Nest dir das deine.

IV.

Wie wird dir das Leben so freundlich erblüh’n / Von Walter auf Händen getragen; / Und du darfst nun sorgen und schaffen für ihn / Ihr werdet das Glück euch erjagen. / Er schafft dir dein Heim u. erbaut dir dein Glück. / O Frieda, lieb Fritzel, du kleine. / Du bist seine Sonne, sein sonniger Schatz / Und baust ihm das Nestchen das seine.

Walter Maas 1906 144x300 - Stettin, Pommern, Pickelhaube, Maas, Köppen, Hinterpommern, Festzeitung, Breslau, Altdamm, 1913

Vermutlich ein Bruder des Walter Maas, 1906, Stettin

Politischer Teil

Fällt aus, da Liebespaare dafür erfahrungsgemäß keinerlei Interesse haben.

Lokales

(Altdamm, den 30. Juli 1913.)

Nächtliche Ruhestörer. Wie gewiss noch allgemein erinnerlich, machten vor einigen Jahren mehere offenbar den besseren Ständen angehörende junge Leute des Nachts die Straßen unseres friedlichen Städtchens unsicher, störten ehrsame Bürger im Schlaf und trieben allerlei Hallotria. Die Polizei versuchte einzuschreiten doch gelang es ihr nicht, einen jener Unholde habhaft zu werden. Mit Genugtuung können wir heute berichten, dass sich jetzt auch diese Schuld auf Erde rächt. Einer unserer Mitbürgerinnen, dem beherz.[ten] Fräulein K, war es möglich, den Hauptübeltä[ter] in sicheren Gewahrsam zu bringen. Man wird ihr Lob noch in fernen Tagen singen.

Großes Aufsehen erregt zur Zeit eine von ei[ner] hiesigen Dame herausgegebene Abhandlung über das Thema „Ist es wahr, dass Alkoholgenuss schädlich ist.“ Allen Freunden eines guten Tropfens sei der Lektüre angelegentlichst empfohlen. Im Übrigen verweisen wir auf das Inserat im heutigen Anzeigenteil.

Wie wir hören ist das Bestehen des Kirchenchors an der hiesigen evangelischen Kirche stark gefährdet. Mit dem heutigen Tage verlassen zwei seiner tüchtigsten Mitglieder unsere Stadt.

Allgemeines

Frieda Koeppen und Walter Maas 2 151x300 - Stettin, Pommern, Pickelhaube, Maas, Köppen, Hinterpommern, Festzeitung, Breslau, Altdamm, 1913

Frieda Köppen und Walter Maas

Was die Frieda von ihrem Walter zu erwarten hat.

Im August ist er geboren, August ist der Erntemonat. Daraus folgt, dass er ein nettes Fürchtel ist. Schon als kleiner Knabe hatte er eine große Vorliebe für Pferde. Er wollte immer kutschieren. Daraus folgt, dass er gern die Zügel führt. Es ist anzunehmen, dass er nicht nur Pferde und Wagen regieren will.

Also Vorsicht, Fritzel! – Doch verlangt die Gerechtigkeit darauf aufmerksam zu machen, dass er dem Gebot seines Vaters folgend, den Fabrikhof nicht betrat. Wenn der Plonka Bauschutt vom Fabrikhof abfuhr, saß er geduldig am Tore, bis der Wagen herauskam, mit dem leeren Wagen zurückkehrend stieg er am Tore wieder ab, um wieder geduldig auf den Wagen zu warten. Es ist anzunehmen, dass er ohne Erlaubnis nicht in die Speisekammer und in die gute Stube gehen wird und überhaupt geduldig warten wird, bis ihm die gewünschte Erlaubnis zu teil wird.

Er rauchte als Knabe leidenschaftlich Zigarren, die aus Papier zusammengedreht waren, von Zeit zu Zeit schnitt er ein Stückchen ab, um das Abstreichen der Asche zu markieren. Von Schokoladenzigarren schnitt er die Spitze ab und war nicht zu bewegen, sie zu essen, ebenso legte er das letzte Stück auf den Aschenbecher. Denn: „Die Herren essen die Spitzen und den Stummel auch nicht“. Aus diesem Verhalten ist zu schließen: Große, etwas pedantische Genauigkeit und Korrektheit seines Wesens.

Doch ist an ihm das Sprichwort zuschanden geworden: „Jung gewohnt, alt getan.“ Er ist ein Sonntagsraucher geworden. Das Zuschandenmachen eines Sprichwortes lässt auf widerspenstige Gesinnung und Selbstständigkeit seines Wesens schließen. Als sich einst im Garten eine Katze zeigte, lief er weinend davon und schrie: „eine Iteate, eine Iteate“. Dieses Auftreten lässt künftiges Heldentum vermuten.

Liebe Frieda, lass dich bitten, schaff keine Katze an.

Auch ein Zug aus der Gegenwart ist bezeichnend. Er trägt seinen Schnurrbart ganz kurz und dünn, gleichsam nur als eine zarte Andeutung seiner Männlichkeit. Daraus folgt seine große Bescheidenheit – oder sollte ihn ein anderer Grund bestimmen?

Walter, der kleine Pedant.

Walter Maas 167x300 - Stettin, Pommern, Pickelhaube, Maas, Köppen, Hinterpommern, Festzeitung, Breslau, Altdamm, 1913

Vermutlich der Bruder von Walter Maas

Was Onkel Itard nur immer da djünnen macht. Ob das wohl das Tistind [Anm. das Christkind] ist, das dazwischen immer so summt? Klein Walterle wars, der immer wieder so fragte, und Onkel Richard sagte: „Dulde, gedulde dich fein!“ Endlich war es so weit, nun musste ja bald das Glockenzeichen ertönen. Tara, Tare, wie mit Zauberschlag öffneten sich die Türen. Walterle stürmte nach seinem Platz. Doch da, was war das? Seine lieben Pferdchen frisch geschirrt vor einem prächtigen Schlitten. Und dies jetzt, wo kein Mensch ans Schlittenfahren denkt! Rasch wird die alte Kutsche hergeholt, die Pferde davor gespannt. Der Schlitten aber, den der gute Onkel so prächtig ausgesägt hat, wird still beiseitegestellt. Als Onkel nun ihn fragt: “Gefällt dir denn der Schlitten nicht?“, nickt er nur mit dem Kopf. „Na, warum fährst du denn nicht damit?“ „Nee, jetzt wo gar kein Schnee liegt, fährt ja kein Mensch Schlitten und Plonka möchte schön lachen, wenn ich jetzt den Schlitten anspannt.“ „Ne, so was jetzt aberst wirklich nicht.“

Müller und Schulze

Müller: Haste schon gehört, wie dat der Frieda und dem Walter auf der Hochzeitsreise gegangen ist?

Schulze: Nee! Sind sie etwa in ‘nen falschen Zug gestiegen?

Müller: Quatsch. Die Frieda wird schon dafür sorgen, dass der Walter richtig uff den Zug kommt, da hab nur keene Bange nich.

Schulze: Ach, so du menst, dat sie ihn uff den Zug bringen wird, wenn er in ’nen falschen Zug einsteigen will und ihr sitzen lassen?

Müller: Nee, Schulze, bist du aber schwer im Begriff. Ick meene, sie wird dafür sorgen, dass er immer so richtig uff ‘n Damm is, wenn sie ihn man erst zu Hause hätte.

Schulze: Nanu, will er nich mit? Will er etwa seinen janzen Urlaub über hier bei Schwiegermuttern Hochzeit feiern?

Müller: Na, nu nee, aber du keenst doch seine Leidenschaft vor die Ansichtskarten. Du weest doch, dass wenn er irgendwo sitzt, wo and’re Leute essen und trinken oder sich die scheene Jegend ansehn oder mit einander tischkerieren, dann schreibt er 50 Ansichtskarten. Denk dir bloß, wenn er dat nun uff der Hochzeitsreise och macht!

Schulze: Ach, nu versteh ‘ick, wat du meenst, dat Frieda ihn uff den Zug bringt. Du hast die Ansicht, jetzt is Aussicht, da die Frieda keene Nachsicht haben wird in Rücksicht, uff seine Absicht von jeder Station, wo der Zug hält, eine Ansicht an alle seine Freunde zu schreiben.

Müller: Nu halt aber’n Adem an un quatsch nich immer dazwischen, wenn ick dir wat erzählen tun will. Also haste gehört, wie dat der Frieda und dem Walter uff der Hochzeitsreise gegangen is?

Schulze: Da bin ich aber wirklich gespannt. Hats etwa geregnet, als sie ‘ne Kahnfahrt machten? Dat wäre ja freilich vor die Kleder und den teuren Hut von die junge Frau sehr penlich.

Müller: Nu, du kennst die Menschen! So’n Regen bei ner Kahnfahrt is für ein junges Paar wie geschaffen.

Schulze: Na, dat versteh‘ ich net.

Müller: Davor hast du ooch noch nie geliebt. Denn, weest du, wenn’s regnet, dann spannt so’n junges Paar nen Regenschirm uff, aber bloß enen. Dahinter verkriechen sie sich, un tun so, als ob sie’s bloß von wegen den Regen täten. Nu, wenn dann der Regen ordentlich uff den Schirm trommelt, dann hört man nich, wenn sie hinter dem Schirm…. !

Schulze: Müller, nu hör uff, ick werde sonst schamrot.

Müller: Dat brauchst du jarnich. Ick habe ja jarnich gesagt, det Walter und Frieda, det uff der Hochzeitsreise gemacht haben.

Schulze: Na, nu erzähl mir aber endlich, wat die beeden denn eigentlich uff der Hochzeitsreise gemacht haben oder wat ihnen so alles passiert ist.

Müller: Ick habe dir doch bloß gefragt, ob du gehört hast, wie det der Frieda und dem Walter uff der Hochzeitsreise gejangen is.

Schulze: Nee, nee, doch nu schieß los. Ick platze vor Neugierde

Müller: Ja, weest du, ick wees et ja och nich, sie machen nämlich jar keene Hochzeitsreise.

Melodie: Im Krug zum grünen Kranze.

1.) An einem schönen Tage mit frohem Sing und Sang zog man zum grünen Hege zu hellem Becherklang.
2.) Sie alle, alle kamen zum Spiel und frohen Tanz die Herren und jungen Damen im schönsten Festesglanz.
3.) Klein Walter ist vergnüglich Im bunten Zug marschiert. Er dachte sich sehr klüglich Im Wald wird schnabuliert.
4.) Doch sieh! Doch sieh, gar balde, da fällt ihm etwas ein. Im Wald, im grünen Walde da könnt ein Schießstand sein.
5.) Da könnt die Büchse knallen, mit scharfen hellen Ton, da könnten Schüsse fallen und Walter lief davon.
6.) Wo willst du hin, mein Walter. Sprach freundlich man ihm zu. Er aber wie ein Alter: „Ach lasst mich doch in Ruh!“
7.) Geschosst wird dort in Hetze das werdet Ihr schon sehn, darum will ich lieber jetze zu meiner Auduste ( Auguste ) gehn!

Eingesandt!

Wie ich höre, soll eine Verparzellierung des Altdammer Forstes beabsichtig sein. Ich würde das im Interesse aller Pilzesuchenden aufrichtig bedauern. Diejenigen, die gleich mir empfinden, bitte ich, sich zwecks einer gemeinsamen Eingabe an den Magistrat unserer Stadt zu melden. Fr. Ida.

Briefkarten!

Ortsgruppe des Vereins gegen Missbrauch von Alkohol. Ihren Artikel können wir erst nach dem 30. Juli bringen. Der Inhalt ist für die junge Dame sowohl als auch für ihren Bräutigam zu kompromittierend.

Zerstreut!

Was da zu machen ist? Vielleicht versuchen sie es damit, zunächst die Adresse zu schreiben. Ich glaube es wird Ihren dann weit weniger passieren, dass Sie eine Nachricht, die für Ihre Frau Mutter bestimmt war, an Ihr Fräulein Braut senden.

Es muss allerdings sehr fatal sein, 8 Tage lang einen wichtigen Schlüssel zu vermissen. Da Sie aber über kurz oder lang zu heiraten beabsichtigen, möchten wir Ihren empfehlen Schlüssel überhaupt nicht aus der Hand zu geben, erfahrungsgemäß bekommt man sie vom Frauchen nicht zurück.

Inserate!

Achtung! Achtung! Vor meinem Fortzuge aus dieser Stadt verauktioniere ich mein reichliches Lager, von meinen vielen Verehrern erhaltenen Marzipanschweinchen, Ostereier, vertrocknete Rosen (Zur Tabakbereitung vorzüglich geeignet) und desgleichen mehr. Fr. Rieda, Stargarderstr. 48 I.

Der Kirchenchor Altdamm wünscht seiner sanges- noch mehr redefrohen Sangesschwester bei deren Fortgange „Viel Glück“ auf den Lebensweg.

Dampferfahrten, die geeignet sind, entzweite Liebespaare wieder zu versöhnen, empfiehlt die Dampfergesellschaft Stettin-Schwedt. A. G., Stettin.

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Vermutlich eine Schwester von Frieda Köppen und ihr Ehemann

Soeben erschienen!

„Ist es wahr, dass Alkoholgenuss schädlich ist?“ Eine volkstümliche Plauderei über Abstinenzbewegung. Zu beziehen durch die Verfasserin Fr. Ritzel.

Mein Vortrag: „Der Kuss“ findet bestimmt Mitte August statt. Ich brauche den kurzen Aufschub zu weiteren Studium durchaus notwendig. (W. Altermatt)

Danksagung!

Als Ausländerin, ich wohne in Hinterpommern, verdanke ich meinem Sprachlehrer, Herrn W. Alter, meine jetzigen ausgezeichneten Kenntnisse in der deutschen Sprache. Besonders dankbar hervorheben möchte ich, dass ich den so ungeheuer schweren Gebrauch von „Mir und Mich“ nur noch in ganz seltenen Fällen verwechsele. Ich kann genannten Herrn daher nur bestens empfehlen. (Fr. K. Öppen)

Suche eine junge Dame für täglich einige Stunden zu engagieren, die mir behilflich ist, alle Sachen, die ich herumliegen ließ und die meine liebe Frau aufgeräumt hat, wieder zu suchen. (W. Altusch)

Scans des Originals:

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